Predigt zur Altarweihe

Predigt zur Altarweihe

In seiner Predigt anlässlich der Weihe des Altares der erneuerten Hauskapelle der „Anima“ ging Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst besonders auf die Gestaltung der Kapelle und auf deren Bedeutung für die Hausgemeinschaft der „Anima“ ein.
Hier die Predigt im Wortlaut:

“Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Ordensschwestern,
Schwestern und Brüder im Glauben!

In diesen Tagen ist wieder ein kleines und sehr lesenswertes Buch erschienen, das Predigten von Papst Benedikt XVI. enthält. Mein früherer Assistent an der Universität Passau, der Priester dieser Diözese ist, hat sich seit einigen Jahren daran gemacht, Ansprachen unseres emeritierten Hl. Vaters aufzuspüren, für die keine schriftlichen Manuskripte vorliegen. Es sind allesamt Verkündigungen, die Joseph Ratzinger als Priester, Bischof und Kardinal frei gehalten und in denen er druckreif gesprochen hat. Für diese gibt es nur Tonbandaufzeichnungen, die manchmal eher zufällig entdeckt werden und dann wie ein Schatz sind, der geborgen wird.
In dem jüngsten Band „Zeichen des neuen Lebens“ finden sich Predigten zu den Sakramenten der Kirche und eine Ansprache zu einer Altarweihe in einer kleinen Kapelle, die eine ihm bekannte Familie gestiftet hat.
Die berührenden Worte, die er seinerzeit als Kardinal über den zu weihenden Altar spricht, klingen, wie in unser Oratorium hineingesprochen: „Und der Altar, den wir hier aufgerichtet haben, ist wie eine Bitte an den Herrn, wie eine Hand, die sich an ihn ausstreckt und zu ihm sagt:
Bitte vergiss auch diesen Ort – die Anima – nicht. Komm auf dem Weg deiner Erbarmungen Tag um Tag auch hierher. Sammle alles Leid und alle Bedürftigkeit nach Liebe und nach Güte auch hier ein. Durchwandere Tag um Tag dieses Haus, diesen Ort. Sieh auf alle Herzen, die dich brauchen, auf jeden stillen unausgesprochenen Ruf der Unerlöstheit und jede Bitte um Erbarmen und Güte.“
Liebe Schwestern und Brüder, der Altar hier im Oratorium der Anima ist wie eine ausgestreckte Hand, die von Herzen kommt. Aus dem Inneren dieses Hauses kommt eine Bewegung, die nach außen reicht; eine Linie, die sich in der Gestaltung vom Oratorium über die neue Pforte bis in den so ansprechenden Cortile fortsetzt. Was architektonisch und künstlerisch verbunden erscheint, will geistlich vermitteln, wie sehr Glaube und Leben, Eucharistie und Agape, Wort und Zeichen, Herz und Hand zusammengehören.
So wie nach den Gebetsworten Papst Benedikts Gott „Tag um Tag dieses Haus durchwandern möge“, markiert diese Verbindung von Oratorium, Pforte und Cortile Wege, die wir hier als Glaubende gehen, um Schauende zu werden. Tiefer zu sehen, wie die ausgestreckte Hand des Altares vom Herzen des Erlösers am Kreuz aus seiner Seitenwunde kommt, lässt uns unten im Hof und an der Türe Gästen die Hand reichen, um sie einzuladen, mitzunehmen und zu dem zu führen, der am Altar unser Herz nach seinem Herzen bilden möge. Diese Linie ist Licht! Man sieht es hier von unten nach oben und von oben nach unten. Der helle Hof, die lichte Pforte, die beleuchteten Stufen in dieses Oratorium. Materialien, die sich wiederfinden, und Farben, die sich fortsetzen, formen den Glauben und das Leben in diesem Kolleg.
Auf dreifache Weise wird in dieser Linie der neue Altar durch die Liturgie seiner Weihe zu einer Lunte, die von Ostern kommt.

I Der Altar im Obergemach der Sammlung
Dreißig Stufen muss man aufsteigen, um in den so bergenden Vorraum des Oratoriums zu kommen. Der feine Stoff mag Assoziationen zum Vorhang des Tempels wecken; seine Wirkung vermittelt Wärme. Hier zu stehen und dann in das Oratorium einzutreten, versetzt den Besucher und Beter unmittelbar in das Obergemach von Ostern, in dem die Apostelgeschichte beginnt. Das erste Kapitel beschreibt, wie die Kirche nach Ostern nach oben kommt: „Als sie in die Stadt kamen gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben … . Die Apostel verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu und mit seinen Brüdern“ (Apg 1,12-14).
Was die Lesung beschreibt, führt uns die Anima vor Augen. Das Oratorium unseres Kollegs ist dieses österliche Obergemach. So, wie sich die Apostel mit den Brüdern und den Frauen um Maria scharen, sind wir hier um die Patronin unseres Hauses. Die lichten Wände dieses Raumes lassen ihre Farbigkeit zeigt umso mehr leuchten (Anm.: Die Statue der Madonna ist eine Darstellung der Mutter Gottes von Altötting). Den illuminierten Stufen, die den Beter hier auf den Boden der Bibel holen, entspricht die darüber angedeutete Treppe, die den Blick nach oben richtet. So, wie man hier ins Obergemach geleitet wird, nimmt man auf den Stufen das Taufwasser und findet sich in der Bewegung, die die antiken Baptisterien Roms andeuten. Und wenn man hier den boden-ständigen Altar erblickt, stimmt gleichsam der lichte Raum den Ruf an: „Erhebet die Herzen!“ Die Antwort tönt aus dem Gebet, mit dem schon die Apostel mit den Frauen und Brüdern um Maria das Obergemach füllen: „Wir haben sie beim Herrn!“
Wo unser Herz bei Christus ist, ist seine Hand dieser Altar, an dem er uns berührt und auf dem er sich uns hinhält, gibt und anvertraut. Ihn hier anzufassen, gibt Halt. Ihn hier in der Eucharistie und Anbetung zu berühren, bewegt uns, die Hände auszustrecken und ein zweites in den Blick zu bekommen.

II Der Altar als Brücke der Communio
Oratorium und Refektorium sind hier in der Anima auf der gleichen Etage. Auf dieser Ebene können wir uns gegenseitig sehen und sagen, was uns verbindet. Eucharistie und Agape gehören seit den Tagen der frühen Kirche zusammen. Vom Altar kommt die Communio, die einen Geist der Mitbrüderlichkeit entstehen lässt. Das ist keine Kumpanei mit der Strategie der Welt: „Des Brot ich ess, des Lied ich sing“, sondern Gemeinschaft aus Glaube.
Papst Benedikt hat in seiner Ekklesiologie immer wieder das alte römische Freundschaftsideal „idem velle, idem nolle“ bemüht. In der jetzt aufgetanen Predigt zur Altarweihe sagt er: „Gemeinsam das Gleiche wollen und das Gleiche nicht mögen – das ist Freundschaft. Und so käme es für uns darauf an, Freunde Jesu Christi zu werden, mit ihm in diese Gemeinschaft des gleichen Geschmacks zu kommen, das gleiche zu mögen und das gleiche abzuweisen, weil es gegen die Wahrheit und gegen die Liebe ist. Dies sollten wir zu erlernen versuchen, diese Gemeinschaft des Wollens mit dem Herrn, so dass Gebote nicht mehr von außen kommen, sondern aus dieser inneren Gemeinschaft des Wollens, die uns mit dem Freund Jesus Christus verbindet.“
Unser Gespräch beim gemeinsamen Mahl soll aus dem Geist des Gebetes kommen. Der Dichter Friedrich Hölderlin hat diese Kommunikation aus der Kommunion mit dem Herrn einmal so beschrieben: „Viel hat von Morgen an der Mensch erfahren, seit ein Gespräch wir sind. Bald aber sind wir Gesang.“
Am Festtag der Hl. Cäcilia leuchtet uns dieser Horizont auf. Aus dem Gotteslob wachsen Menschen Worte füreinander und miteinander zu. In diesem Sinn sind Oratorium und Refektorium nicht einfach Nachbarräume auf einer Etage. Sie sind Brennpunkte einer Ellipse, die sich vom Obergemach auf die Ebene der Welt hin ausspannen. So wird schon am Anfang der Kirche aus Ostern Pfingsten und aus Sammlung Sendung.
Im Zeichen des Feuers wird gleich dieser Altar geweiht, damit hier unsere Hingabe an Christus immer wieder neu entbrennen kann. Wer den Fokus auf das Gebet legt, gewinnt eine Leidenschaft für die Kirche, für die Menschen und die Welt. In diesem Horizont vermittelt sich das Wort des Hl. Augustinus, auf das wir beim Essen immer wieder schauen: „Quantum quisque amat ecclesiam Christi, tantum habet spiritum sanctum.“ Diese Liebe ist immer auch Leiden und lehrt uns ein drittes:

III Der Altar als Existenz unter dem Kreuz
Das große Kreuz an der Stirnwand des Altares hat keinen Corpus. Wenn es in seiner kostbaren Ausgestaltung mit dem Alabasterglas aufleuchtet, bekommt es eine österliche Dimension, die zum Obergemach passt. Hier versammelt sich die junge Kirche in der wachsenden Gewissheit der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn. Hier ist aber ebenso wenig vergessen, was die Bibel unmittelbar vor dem Anfang der Apostelgeschichte am Ende des Johannesevangeliums vor Augen hat: Maria, die Mutter Gottes mit dem Lieblingsjünger unter dem Kreuz Jesu. So, wie wir gerade im Evangelium die Dramatik dieses Dialoges gehört haben, behalten wir: Kirche unter dem Kreuz; das ist nicht nur eine Episode der Geschichte. Es ist die bleibende Realität unseres Glaubens. Wir können nur dort aushalten, wo Maria ausharrt, wenn wir dort mit ihr stehen und sehen, wie sich die Abenddämmerung des Karfreitags in das Morgenlicht des Ostertages wandelt.
Diesen Blick gewinnen wir hier im Oratorium, wenn wir auf das erleuchtete Kreuz schauen. Im Laufe eines Tages spricht es kaum aussagekräftiger als am Abend -; wenn das Leben eben dunkel wird.
Mit dem Blick nach vorn haben wir hier in diesen Stunden aber noch einen weiteren Halt. Die erleuchteten Alabasterstreifen des Kreuzes haben ihr Pendant in den leuchtenden Fensterstreifen der Rückwand. Sie sind aus dem gleichen Material und erscheinen im gleichen Licht. Pfingstliche Ausschau gibt es nur mit österlicher Rückendeckung. Aus ihr wächst die Zuversicht des Beters in Psalm 139, die man hier in der Betrachtung finden kann. In einer älteren Übersetzung heißt es dort: „Hinten und vorn hast du mich umschlossen und legtest auf mich deine Hand“ (Ps 139.5).
Der Altar als Existenz unter dem Kreuz versinnbildlicht in der Geborgenheit dieses Raumes was Papst Franziskus heute Morgen in seiner wöchentlichen Katechese bei der Audienz in Erinnerung gerufen hat: „Indem Jesus, der Herr, zum gebrochenen Brot wird, gießt er über uns seine große Barmherzigkeit und Liebe aus, wie er es am Kreuz getan hat, um unser Herz, unser Dasein und unsere Art zu erneuern, mit ihm und den anderen in Beziehung zu treten.
Jede Feier der Eucharistie ist ein Strahl jener Sonne, die nicht untergeht: ein Strahl des auferstandenen Christus.“

Liebe Schwestern und Brüder, die Weihe dieses Altares im Obergemach der Anima, in der Communio unserer Hausgemein- schaft und im Licht des Kreuzes und der Auferstehung Jesu ist – wie die Liturgie und die Architektur auf je eigene Weise und miteinander vermitteln – ein wahrer Lichtblick. Und wie ein Schiff nach unruhiger Fahrt im Leuchtturm die Orientierung findet, können wir mit Papst Benedikt begreifen, was er in der aufgefundenen Predigt schließlich vom Altar sagt: „Hier vor Anker gehen, das heißt: dort verankert sein, wo mitten im Auf und Ab der Welt die Verlässlichkeit, die wahre Freude ist.“

Amen.”