Predigt am Pfingssonntag (15. Mai 2016): Bischof Prof. Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst

Predigt am Pfingssonntag (15. Mai 2016): Bischof Prof. Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst

Predigt im Pontifikalamt am Pfingssonntag, den 15. Mai 2016
im Pontificio Collegio Teutonico Santa Maria dell´Anima
Predigtperikopen:

1. Lesung: Apg 2,1-11

2. Lesung: 1 Kor 12,3-7,12-13

Evangelium: Joh 14,15-16.23b-26

Zelebrant und Prediger: Bischof Prof. Dr. Franz-Peter Tebartz van Elst, Rom

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Wer in Italien nach Umbrien kommt, trifft auf eine Landschaft mit langer Geschichte und großen Gestalten. Der Heilige
Benedikt und der Heilige Franziskus sind hier zuhause – in Norcia und Assisi. Bauten aus der Zeit der Etrusker und mittelalterliche Stadtbilder ergeben inspirierende Sihouetten. Große Filmemacher, wie Pier Paolo Pasolini, haben diese Landschaft geliebt und sich in ihren Werken davon anregen lassen.

Einer seine bekannten Filme „uccellacci e uccellini“ – (Große Vögel – kleine Vögel) spielt in Assisi und hier in Rom. Am ,vergangenen Freitag vor 50 Jahren wurde der Film bei den Internationalen Festspielen in Cannes zum ersten Mal gezeigt; im Sommer 1966 kam er dann auch in Deutschland in die Kinos.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Menschen – Vater und Sohn. Marcellino – so der Name des Mannes – ist ein spießiger Kleinbürger. Er hat, was er für seine Familie und für sich braucht; – nur keinen Horizont. Er hat sich in seiner Welt eingerichtet und diese enge Behaglichkeit möchte er sich nicht nehmen lassen. Als er eines Tages am Stadtrand von Rom unterwegs ist und sein ältester Sohn Ninetto ihn auf diesem längeren Fußweg begleitet, gesellt sich ein sprechender Rabe zu den beiden Wanderern und bietet sich als Weggenosse an. Hier greift Pasolini die Vogelpredigt des Poverello aus Assisi auf. Der Vogel erzählt ihnen die Geschichte vom Hl. Franz als er im Jahr 1200 den Tieren solange das Evangelium verkündete, bis sie nicht mehr übereinander herfielen und einander töteten.

Vater und Sohn lassen sich auf ihrem Weg gern von Raben unterhalten aber sobald der Vogel persönlich wird und ihre zurecht gemachte kleinbürgerliche Welt in Frage stellt, wollen sie ihn nicht mehr hören. Als der Rabe schließlich nicht begreifen will, dass Marcellino und Ninetto keine Belehrung und erst recht keine Bekehrung wollen, drehen sie ihm einfach den Hals um und essen ihn auf.

Ein brutales Ende. Der Vogel mit dem größeren Überblick und dem weiteren Horizont passt nicht in die Welt der Engstirnigen. Bei Pasolini geradezu defätistisch inszeniert – als Widerspruch zum Hl. Franz von Assisi. So, wie der den Vögeln predigt, sprechen sie von ihm; von einer Leichtigkeit des Lebens, die es gerade in der Wachsamkeit des Glaubens gibt.

Aus dieser Freiheit spricht auch der Evangelist Johannes in seinem Evangelium des Pfingsttages: vom Geist der von oben kommt; so, wie Vögel in den Lüften leben und die Leichtigkeit lieben, Erde und Himmel verbinden. Im Bild dieser faszinierenden Beweglichkeit begreift die Kirche das heutige Pfingstfest: der Taube. Im Bild des Adlers sieht die Kirche diesen Evangelisten mit seiner Botschaft. Immer geht es um das eine: die Luft der Leichtigkeit zu lieben und darin zu leben, Flügel zu bekommen und Freiheit zu finden.

Auch wer die Anima durch den Haupteingang betritt, begegnet dem Bild des Adlers, dem König der Lüfte – und hier gleich mit zwei Köpfen. Historische Reminiszenzen überbieten hier die Natur. Der einstige Machtanspruch auf West- und Ostrom, die spätere Umdeutung im Habsburger Wappen auf

Der Adler der Anima hat auf seinem Schild das Bildnis der Mutter Gottes. Es zeigt sie mit ihrem Sohn; an ihrer Seite Menschen, die Hilfe suchen und schutzbedürftig sind. Theologische Interpretationen relativieren hier Geschichte. Das Gefieder des Vogels und der Mantel Marias haben hier den gleichen Saum. Pastorale Konsequenzen prägen das Leben unter solchen Flügeln. Über dem Portal der Anima steht in Stein geschrieben: „Xenodochium Beatea Mariae de Anima. Pauperum Peregrinorum Germanorum. Sustentationi Extructum.“ Die Sorge für die Fremden und die Unterstützung der Pilger sind die Früchte des Geistes einer Gastfreundschaft, die unseren Glauben prägt. Man ahnt gleich, wie aktuell dieses Wort über der Türe ist, wo in Europa gegenwärtig so viele Türen in Schloss fallen.

Liebe Schwestern und Brüder, im Anblick dieser verschiedenen Bilder kommt die Frage: Wie geht das zusammen: eine Faszination für Vögel und das Fliegen, eine Sensibilität für ihre Perspektive und Provokation und ein Patronat mit Flügeln, das Protektion zeigt?

Im heutigen Fest kulminieren die uralte und stets neue Sehnsucht des Menschen, sich selbst zu übersteigen, der Enge zu entkommen, in der Menschen – wie die Figuren Pasolinis – flügellahm werden. Pfingsten gibt unserem österlichen Glauben ein Gefieder von Größe und Getragensein. Das ist die dreifache Faszination dieses Festes im Bild der Flügel:

I Mit Gottes Geist aufsteigen und erhöht werden

Einen Adler aufsteigen zu sehen, hat etwas Majestätisches. So, wie er sein Gefieder ausspannt und Höhe gewinnt, das fasziniert uns Men-schen. Nach oben zu kommen, das ist ein Wunsch, der in jedem schlummert. Aber, wo ist oben? Dort, wo die Welt hinblickt – oder dort, wo das Evangelium hinweist.

Kein Evangelist spricht so oft vom Geist aus der Höhe, wie der im Zei-chen des Adlers: Johannes. Aber diese Höhe ist nicht Karriere, nicht eine Position, von der alles top down zu bestimmen wäre. Im Johannesevangelium ist der Geist aus der Höhe jene Kraft, die die Tiefen Gottes ergründet. Der Beistand, den der Vater senden wird, macht vertraut mit dem Ort, wo Jesus gestanden hat: ganz unten. Von hier kommen seine Worte in diesem Evangelium: “Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“ (Joh 12,32). Diese Höhe ist Passion; Mitfühlen, Mitleiden und Mitgehen bei allen, die am Boden zerstört sind. Mit Gottes Geist aufsteigen und erhöht werden, ist eine Bewegung, von der der Hl. Bernhard von Clairvaux sagt: „Das Kreuz ist für Christen eine Hilfe der Art, wie Flügel für Vögel: Sie tragen nach oben.“

Pfingsten sagt uns : Glauben geht nicht von oben herab. Gottes Geist kommt von innen. Er deckt auf, was äußerlich ist. Er heilt was verwundet ist; er tröstet, wo Traurigkeit niederdrückt. Im Heiligen Geist kommt der Mensch wieder nach oben, wenn Menschen einander fallen lassen. Gott gibt in seinem Geist die Gabe, die Schwerkraft des Diesseits zu überwinden, die den Menschen nach unten ziehen will.

Viel ist in diesen Tagen die Rede davon, dass wir eine neue Kultur des Dialogs, der Verständigung und des Respektes brauchen. Wo Worte übereinander zu Waffen gegeneinander werden, wo es in sozialen Netzwerken und andernorts scheinbar eine Lust an der Lädierung anderer gibt, machen Menschen einander herunter.

Pfingsten hebt uns in eine andere Dimension. Gottes Geist gibt eine Leichtigkeit, über den Dingen zu stehen. Er schenkt den Blick von oben, der mehr sehen lässt als die Meinungen von Menschen zulassen. Pfingsten sagt uns: Der Blick auf das Ganze macht frei. Auf der Höhe des Glaubens gibt es die Gnade des Großmutes; einer Gelassenheit, die geben und vergeben kann. Pfingsten bringt den Menschen in die Vogelperspektive des Glaubens. Das ist der Horizont einer Hoffnung, die diese Erde übersteigt und die Gewissheit der Güte, dass mit Gott mehr zu sehen ist als Menschen wahrhaben wollen. Und es ist auch die Bereitschaft, sich von oben etwas sagen zu lassen, um Bekehrung zu finden und der Verstockung zu entgehen, der Marcellino und Ninetto in Pasolinis Film erliegen.

Pfingsten schenkt den Aufstieg der Seele, wo Ostern den Menschen ganz unten abgeholt hat. Aus Liebe, Leiden und Läuterung gelangt der Mensch in die Lüfte einer Leichtigkeit, die eine zweite Faszination vermitteln:

II Vom Windschatten des Geistes getragen werden

Es ist ein Wunder der Natur, zu sehen, wie Vögel das Fliegen lernen. Zu beobachten, wie die Eltern ihr Junges aus dem Nest stoßen, mutet auf den ersten Blick befremdlich an. Dass dieser Fall aber notwendig ist, damit der junge Vogel Höhe gewinnt, begreift der Beobachter erst, wenn er sieht, wie Thermik tragen kann.

Schon die Bibel spricht davon, „wie der Adler, der sein Nest beschützt und über seinen Jungen schwebt, der seine Schwingen ausbreitet, ein Junges ergreift und es flügelschlagend davonträgt“ (Dtn 32,11). Diese Worte aus dem Buch Deuteronomium verweisen auf eine Erfahrung des Glaubens, die Gottes Heiliger Geist uns schenkt. Wo Menschen Schweres durchgemacht haben und später gefragt werden, wie sie all’ das durchgestanden haben, geben Glaubende öfter zur Antwort, dass es die Gebete und das Gedenken der Anderen waren, die sie getragen haben.

Beten ist immer ein Bedenken und Bitten im Heiligen Geist. Alle Gebete der Kirche finden ihre Zusammenfassung und Zuspitzung in der Anrufung des dreifaltigen Gottes. Das ist keine leere Floskel oder steife Formel, sondern Vertrauen und Vermittlung zwischen Himmel und Erde.

So, wie der Vogel im Erlernen des Fliegens sich den Eltern und Ihren ausgebreiteten Flügeln anvertraut, überlässt sich der Mensch im Beten ganz Gott. Die Freiheit, flügge zu sein, gibt es im Windschatten des Heiligen Geistes. Er trägt, wo wir ihm trauen. Er hält, wo wir uns lassen. Die Thermik des Trostes besteht in dieser alten Weisheit: „Nichts ist schwer, sind wir nur leicht!“

Sprichwörtlich sagen wir, dass Beten Flügel verleiht. Wo das Gefieder des Glaubens so ausgespannt ist, dass Menschen sich mit ihren Sorgen darunter begeben können, kommt es zu jener Freiheit, die der Hl. Don Bosco bezeugt, wenn er sagt: „Halte dich fest an Gott. Mache es wie der Vogel, der nicht aufhört zu singen, auch wenn der Ast bricht. Denn er weiss, dass er Flügel hat.“

Pfingsten ist Wind mit Schatten, eine Thermik, die trägt und tröstet, eine Zusage aus der Höhe, die Zuversicht weckt. Der Beter in Psalm 63 ist in diese Sphären vorgedrungen. Seine Worte sind wie ein Wind des Auftriebs: „Ja, du wurdest meine Hilfe, jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel“ (Ps 63,8). Unter diesen Schwingen kann das Leben ganz neu in Schwung kommen, wenn wir einer dritten Faszination Raum geben.

III Aus dem Geist wiedergeboren und erneuert werden

Der Traum der Menschen von der ewigen Jugend ist uralt. Was wird nicht alles unternommen, um diesem äußeren Schein zu pflegen? Ohne Falten und Flecken möchte der Mensch dastehen und auf den Bildern, die uns in der Werbung umgeben, sehen wir ihn nur so.

Diese Versuchung, uns selbst aufzuhübschen, verfolgt uns auch als Kirche. Wo sie in die Jahre gekommen ist, wünschen sich manche eine Verjüngungskur mit der man als Kirche dann nach außen besser dasteht. Sie passend zu machen, bedeutet aber noch nicht, dass sie lebendiger wird. Nicht der Anstrich, sondern der Anfang macht sie jung.

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. In diesem Fest sind wir an ihrem Anfang; dort, wo Maria mit den Aposteln im Abendmahlssaal versammelt sind; dort, wo Menschen in so vielen Sprachen und Kulturen plötzlich einander verstehen können.

Wer sich an den Anfang der Kirche begibt, wird erleben, was der Psal-mist verheißt: „wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert“ (Ps 103,5). Im Bild begreift die Bibel die ständige Erneuerung des Gefieders beim Adler als eine Verjüngung, die man nicht selbst machen kann.

Wirkliche Jugend kommt von innen. Sie ist ein Geschenk des Heiligen Geistes, ein Hauch von Ursprünglichkeit. „Aus dem Geist geboren zu sein“, (Joh 3,6), ist nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums eine Jugend, die nicht vergeht, die sich bisweilen erst im Alter authentisch vermittelt. Es ist eine Reife, von der wir sagen, dass die Seele umso jünger wird, je näher sie Gott kommt.

So, wie Pfingsten uns an den Anfang der Kirche holt, werden wir in die Begeisterung geführt, selber Anfänger zu bleiben. Den Anfang der Kir-che zu lieben, kann darüber hinweghelfen, wo und wenn wir an ihr lei-den. Es ist ein Trost, der aus Treue kommt und ein Ziel, das über Zeiten geht, wo Zukunft genommen scheint.

Pfingsten schenkt die Ausdauer, Anfänger zu bleiben, wo in Kirche und Welt einmal Gewonnenes als Zerronnenes erscheint. In diesem Sinne bewegt ein Wort des Hl. Augustinus, das in den Fenstern des Refektoriums der Anima zu lesen ist: „Quantum quisque amat ecclesiam Christi, tantum habet spiritum sanctum.“

Die Kirche zu lieben, bedeutet täglich aus ihrem zu Anfang leben und zu sehen, wie sich das Gefieder des Glaubens erneuert, wo Menschen vom Leben gerupft werden. So wächst ein Ansehen unabhängig vom Aussehen, eine Jugend unabhängig vom Alter, eine innere Stärke unabhängig von äußerem Style.

Liebe Schwestern und Brüder

Das traurige Ende in Pasolinis Film „uccellacci e uccellini“ zeigt wohin der Mensch kommt, wenn er sich nichts mehr vom Himmel her sagen lassen möchte; wenn diese Welt verschlossen wird und Menschen sich nur im Eigenen einrichten.

Pfingsten bricht solche Enge auf. Pfingsten wirbt für das Wort und die Weisheit des Propheten Jesaja: „Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler“ (Jes 40,31). Pfingsten gibt unserem Glauben dieses dreifache Gefieder: aufzusteigen und erhöht zu werden – vom Windschatten des Heiligen Geistes getragen zu sein – und eine Jugendfrische zu finden, die bleibt.

Wer die Anima von der anderen Seite betritt, kommt zuerst in diese wunderschöne Kirche. Im Blickfang des Altarraums begegnet oben im Hochaltar wieder der doppelköpfige Adler mit dem Bild der Gottesmutter. Seine Flügel sind gleichsam ihr Mantel. Darunter geborgen und damit getragen feiern wir Pfingsten – im Obergemach der Apostelgeschichte, im Abendmahlssaal, wo Lasten leichter werden, wenn wir uns dem Gefieder des Geistes überlassen.