Priesterkolleg, Pfarrei, Pilgerseelsorge

 

img_5753Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Paris ist immer noch präsent! Wir haben die Bilder noch vor Augen! Kurz vor Ostern die brennende Kathedrale auf der Seine-Insel: das einstürzende Gewölbe. Und dann am nächsten Tag dieses Bild, das zur Botschaft wurde. Aus dem kalten Rauch und den verkohlten Balken das aufragende Kreuz und davor die Pietà, die Schmerzensmutter mit dem toten Sohn auf ihren Armen!

Was sich da vor Ostern zeigte, ist auch eine Predigt zu Pfingsten. Wenn das Dach einer Kirche einbricht, fällt einem – in der Sprache der Kunst – wirklich der Himmel auf die Füße. Das tut weh; sehr weh! Nicht nur die Menschen, die weinend am Seine-Ufer standen, haben das so empfunden. Jeder, der ahnt und weiß, wofür die Kirche von Gott her steht, wird niedergedrückt, wo sie durch Menschen in Schutt und Asche zu fallen scheint. Das haben wir nicht erst seit dem Montag der Karwoche vor Augen.

Das sind die Trümmer menschlicher Schuld, wie wir sie seit längerem in der Kirche sehen. Das gibt es – wenn wir tiefer schauen – seit den Tagen Jesu: den Verrat durch Judas, die Verleugnung durch Petrus, die Vertuschung in Verantwortung. Aber wo all das die Jünger aller Zeiten hinter verschlossene Türen zu führen scheint, kommt der Herr, um den Seinen seine Hände und seine Seite zu zeigen (vgl. Joh 20,20). Seine Gabe des Friedens ist kein `Schwamm drüber´, sondern die Konfrontation mit seinen sichtbaren Wunden, aus denen allein die österliche Wende kommt. In diesem Sinn ist die Sendung, die die Jünger in der Kraft des Hl. Geistes erfahren, ihre Stärkung zu einer bleibenden Umkehr. Nie werden sie damit fertig und alle Vergebung, die sie im Namen Jesu in die Welt bringen sollen, ist nur lauter, wo sie aus der Seitenwunde des Herrn kommt. Diese Liebe blutet, weil der Kirche immer zu Herzen gehen muss, wo sie das Vermächtnis ihres Herrn verraten hat. So, wie sich Jesus (im Evangelium) seinen Jüngern am Abend des ersten Tages der Woche zeigt, sollen wir ihn anschauen und darin eine dreifache Perspektive gewinnen.

I.          Tiefer hinsehen – um die Wunden wissen

Der Blick auf die Trümmer in Notre Dame ist niederdrückend. Wo immer das Gewölbe einer Kirche einstürzt – wie auch hier in Rom in der Basilika San Guiseppe im letzten Sommer – ist der einkrachende Himmel wie ein Erdbeben. Plötzlich erscheint alles Erhabene am Boden zu liegen. Im Staub und Schutt des Vergänglichen sucht man dann das Bleibende und beginnt, manches mit neuen Augen zu sehen. Was man dann in den Händen hält, gewinnt eine neue Kostbarkeit, so lädiert es auch wirken mag.

Die Pietà in den Trümmern von Notre Dame ist zum Sinnbild dafür geworden und hier in Santa Maria dell´ Anima haben wir die Schmerzensmutter vor Augen, wie sie ihren toten Sohn trägt; ihn in ungewöhnlicher Weise an sich drückt und dabei auf seinen so geschundenen Leib schaut. So auf das Liebste sehen zu können, bewegt zu jener inneren Haltung: ´Nur wer fühlt, was er sieht, gibt, was er hat!´ Dieses Geben ist Hingabe in Lauterkeit, Aushalten in Einsamkeit, Beistand in Bedrängnis. So tief hinzusehen, dass das eigene Herz in Liebe blutet, macht den Glauben und das Leben wahrhaftig. Es bewahrt davor, wegzuschauen, wo der Herr uns wie den Jüngern seine Hände und seine Seite mit den sichtbaren Spuren des Karfreitags zeigen will. Diese Compassion macht contrit! Diese Annäherung ist visuell und wird spirituell. Sie weckt Reue und wird zum Ruf, der Wahrheit so ins Auge zu schauen, dass aus ihr eine neue Liebe entspringen kann. So, wie das österliche Lied die Wunden des Auferstandenen betrachtet, ist Pfingsten eine Retrospektive mit Perspektive:

„Wer sich will freu´n von Herzen,

der heilgen Gnadenzeit,

der geht zum heil´gen Kreuze,

das uns gebracht die Freud. …

Erstanden ist die Sonne,

die Licht der Erde bringt,

erschlossen sind fünf Brunnen,

daraus das Heil entspringt,

entspringt in Jesus Christ,

der nun erstanden ist.“

So, wie die Schmerzensmutter – hier sichtbar im Bild – das Leiden ihres Sohnes mitträgt, kommt für uns in den Blick: Wo unser kirchliches Leben krankt, wo wir selber verletzt und vorgeführt werden, will Gott in den Wunden das Wunder der Wandlung wirken. Wo das Kreuz in den Blick kommt und zur Orientierung wird, lässt sich das scheinbar Verlorene wiederfinden. Es sind die Wunden des Gekreuzigten, an denen ein Kreuz im Leben von Menschen ein Gesicht bekommt. Die Pietà in Trümmern zeigt uns, wie im Blick auf die Wunden Jesu der Glaube zur Beziehung wird, das Kreuz zum Du.

So, wie Maria an Pfingsten mit den Aposteln im Abendmahlsaal das Geschenk des Hl. Geistes erwartet, verweist sie uns darauf, wie er mit ihr erbetet werden will:

„Gib o Mutter Born der Liebe,

dass ich mich mit dir betrübe,

dass ich fühl´ die Schmerzen dein.

Lass mich wahrhaft mir dir weinen,

mich mit Christi Leid vereinen,

solange mir das Leben währt.“

Diese Worte aus der Sequenz des Gedenktages der Schmerzen Mariens sprechen davon, wie die Wunde durch Pfingsten zur Wende werden kann. Als die Jünger die Hände und die Seite des Auferstandenen sehen, heißt es von ihnen im Evangelium unseres Festtages: „Da freuten sie sich, dass sie den Herrn sahen“ (Joh 20,20b). Dieser Blick gibt Hoffnung und bewegt zu einer zweiten Sichtweise:

II.         Neu aufschauen – auf Verwandlung vertrauen

Wo wir den Kopf hängen lassen, kann sich das Herz nicht bewegen. Geistige und geistliche Trägheit entstammt oft einer Aussichtslosigkeit. Der Weg von Ostern nach Pfingsten verweist aber in eine andere Richtung.

Hier in Santa Maria dell´ Anima haben wir ihn – genau gegenüber der Pietà – vor Augen. Der Auferstandene in diesem Bild hat österlichen Schwung und bringt eine neue Dynamik ins Leben. Er verlässt nicht nur das Grab, sondern auch seine irdische Existenz, wie sie sich noch im unteren Teil die Kreuzabnahme mit der übergroßen Seitenwunde zeigt. In seiner Osterpredigt hat Rektor Brandmayr eindrucksvoll darauf verwiesen, dass die lichte Farbe uns schon den Erhöhten im verklärten Leib schauen lässt. Der Auferstandene nimmt uns mit nach oben und zeigt uns in seiner österlichen Vitalität: ´Nichts ist schwer, sind wir nur leicht!´ Es ist diese österliche Freude, die beim Anblick dieses Bildes zum pfingstlichen Aufschwung wird; – auch oder gerade, wo die Kirche am Boden zu liegen scheint. Was wir in diesen Wochen der Osterzeit so oft gesungen haben, wird zur Blickrichtung, wenn wir erkennen wollen, woher pfingstlicher Trost kommt:

„Wir schauen auf zu Jesus Christ,

zu ihm, der unsre Hoffnung ist.

Wir sind die Glieder, er das Haupt;

erlöst ist, wer an Christus glaubt.“

(Gl, 329,4).

Dieser Aufblick ist keine spirituelle Fata Morgana, keine Lichtspiegelung im Sinne einer geistlichen Selbstbespiegelung. Pfingsten sieht man nur durch das Prisma von Tod und Auferstehung. Nicht der selbstgewählte Blickwinkel der Welt, sondern die vor-gegebene Option des Evangeliums eröffnet die nachhaltige Perspektive. Hier im Bild führt alle Bewegung nach oben ins Gewölbe, wo der Maler die Pfingstszene illustriert.

Es ist der Abend des ersten Tages der Woche, an dem sich der Auferstandene den Jüngern zeigt und Ihnen die Gabe des Hl, Geistes verleiht (vgl. Joh 20,22). Aber ihm geht der Morgen der Auferstehung voraus. Diese Linie der Verkündigung ist eine Blickrichtung in das Bleibende. Wer hier aufschaut, wird bewegt, nach innen zu schauen, wie es die westfälische Dichterin Anette von Droste Hülshoff in einem ihrer Gedichte tut:

„Herr eröffne mir die Schrift,

Deiner Worte Liebesmorgen,

Dass er leis´ im Herzen trifft,

Was gewißlich drin verborgen.

Weiß es selber nicht zu finden,

Bin doch aller Hoffnung voll:

O, die Wolken werden schwinden,

Wenn die Sonne scheinen soll.“

Pfingsten ist und bleibt Gottes „Liebesmorgen“ für die Kirche, ihr Geburtstag; Gottes unermüdlicher Anfang mit ihr, wo sie selber müde geworden ist: „Denn der Pfingsttag kennt keinen Abend, weil seine Sonne die Liebe, keinen Untergang kennt.“ Wer in dieser Gewissheit nach oben schaut, sieht „die Wolken schwinden, weil die Sonne scheinen soll.“

Das Pfingstbild hier in der Konche über der österlichen Szene – ist die Illustration des Trostes in Trümmern.

„In der Unrast schenkt du Ruh,

hauchst in Hitze Kühlung zu,

spendest Trost in Leid und Tod.“

So beten wir heute im Blick auf morgen. Im Leiden Liebe zu wissen, an den Grenzen Gottes Größe zu erwarten, den Verletzungen Versöhnung zuzutrauen – das ist Gottes Heiliger Geist. In ihm zu leben, sich in ihm zu bewegen, in ihm zu sein, lässt ein Drittes sehen.

III.        Mutig weiterblicken – wahre Zukunft zeigen

Schon bei der Himmelfahrt Jesu lernen die Jünger, dass der Blick nach oben auf unten verweist. Dem entspricht in der Überlieferung der Kirche immer `der Blick zurück nach vorn´. Vom Anfang her erschließt sich der Weg in die Zukunft und nicht aus der Geschäftigkeit der Gegenwart. Wenn wir fragen, wie und wo es heute weitergeht, braucht es diese Umsicht und kein Update. Der Blick zurück nach vorn ist nicht Sturm und Drang, sondern Umkehr und Erneuerung. Leben im Geist Gottes bedeutet für Christen: Unterwegs immer wieder den Anfang erinnern; `nie aufzuhören anzufangen und nie anzufangen aufzuhören.´ Die Dichterin Annette von Droste Hülshoff weiß in Ihrem Gedicht darum, wie dann Gefühltes zum Gebet wird:

„Soll der Glaube ferne sein,

Da die Liebe nicht verloren,

Da in Nächten stiller Pein

Mir die Hoffnung neu geboren?

Mutig weiterblicken und Zukunft bezeugen kann nur, wer zu einem Glauben mit einer Hoffnung und in einer Liebe steht, die aus den „Nächten stiller Pein“ kommt und am Tag den Mut zu dieser Position hat. Ein großer Heiliger hat in dieser Gewissheit und Gelassenheit einmal gesagt; „Deine Zeit und deine Kraft gehören Gott. Vergeude sie nicht damit, die Hunde, die dich auf dem Weg anbellen mit Steinen zu bewerfen.“

Der Blick zurück nach vorn ist nicht Ignoranz der Kritik, wohl aber eine geformte Festigkeit aus der Fragilität der eigenen Seele. Es ist eine Compassion aus der Identifikation mit dem Auferstandenen im Blick auf seine Hände und seine Seite. Die Freude der Jünger, Jesus so zu sehen, ist die Erinnerung und Einfühlung in seine Treue. Die Worte der westfälischen Dichterin benennen, wo eine neue Zukunft beginnt.

„Du mein Gott der Huld und Treue,

Den des Würmleins Krümmen rührt,

Hättest Du umsonst die Reue

In das starre Herz geführt?“

Liebe Schwestern und Brüder

Als ich in tiefer Betroffenheit das Bild vom „day after“ der Feuersbrunst in Notre Dame sah, hatte ich inmitten der Trümmer wieder vor Augen, was sich mir vor vielen Jahren dort einmal als ein wegweisender Trost eingeprägt hat. Es war die Abendmesse an einem Sonntag in der Fastenzeit, die der damalige Kardinal, Jean Marie Lustiger, zelebrierte. Nach der Kommunion wurde das Licht in der Kathedrale gedimmt und nach dem Segen setzte sich die Prozession zum Auszug in Bewegung. Aus der Ferne sah man nur die erhöhten Kerzenleuchter, die das Vortragekreuz begleiteten. In der dann zunehmenden abendlichen Dämmerung von Notre Dame merkten alle auf als die beiden schweren Flügel des Hauptportals geöffnet wurden und die gleißenden Strahler auf der Seine-Insel in den Blick kamen. So, wie aber das kleine Licht der Kerzen vom Kreuz mit der Pietà aus der Kirche in die Welt hinausgetragen wurde, war anschaulich, wie ein `tieferes Hinsehen´ `neu aufschauen´ und `mutig weiterblicken´ lässt. Um die Wunden zu wissen und in ihnen Verwandlung zu erfahren, macht Christen zu Trägern des Trostes in Trümmern, zu Boten einer geläuterten Zukunft.

Pfingsten gibt uns diese Perspektive!

Dieser Geist ist das Geschenk des Gebetes:

„Komm, o du glückselig Licht,

fülle Herz und Angesicht,

dring bis auf der Seele Grund!“

und dann sieht man, was die Dichterin sagt:

„O, die Wolken werden schwinden,

wenn die Sonne scheinen soll!“

Amen.

+ Franz-Peter Tebartz-van Elst

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