Priesterkolleg, Pfarrei, Pilgerseelsorge

img_5251Dem feierlichen Festgottesdienst zum Pfingstsonntag stand dieses Jahr Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst vor, der dazu auch die folgende Predigt hielt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

„Pfingsten auf dem Aventin“ ist das große Thema des jüngsten Romas der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Biografische Reminiszenzen vermischen sich hier mit poetischer Faszination und touristischem Rausch. Erfahrungen dieser gebürtigen Bulgarin in einem Wissenschaftskolleg in Berlin und mit einem Stipendien-Aufenthalt in der römischen Villa Massimo bewegen die Autorin, den Urwunsch des Menschen nach Ekstase in einem fiktiven Geschehen zu verpacken, das 34 Dante-Forscher zu einem künstlerischen Kolloquium am Sitz der Malteser auf dem Aventin zusammenkommen lässt, um in Sicht- und Hörweite des Petersdomes über Dantes Göttliche Komödie zu konferieren.

„Das Pfingstwunder“ – so hat Sibylle Lewitscharoff den Austausch in malerischer und verzückender Umgebung überschrieben, dass Dantes Göttliche Komödie für alle Teilnehmenden zum einem Traum in der Gegenwart wird. Raus aus der Routine der Wissenschaft, weg von der Erdenschwere alles bleihaft Rationalen und hoch hinaus in den Himmel einer Leichtigkeit, zu der Lyrik erheben kann. Levitation – Erhebung – ; so begreift und beschreibt die Autorin das Phänomen der gelösten Zungen beim Gespräch über Dante und mit ihm, bei dem die Teilnehmenden an Pfingsten in dem verzaubernden Saal des zweiten Stocks der Malteserresidenz so verzückt werden, dass sie unter dem Geläut von St. Peter auf die Brüstungen der Balkone steigen und springen – nein fliegen! Ein wahrhaft exaltiertes Verhalten, das alle Vernunft offensichtlich ausblendet; eine Ekstase die der Welt entfliegt; mehr Rausch als Realität; mehr Flucht als Freiheit; mehr Fiktion als Diktion eines Lebens, das letztlich die große Sehnsucht nicht los wird, dass der Mensch über sich hinausmöchte. Da ist der Blick auf St. Peter und die Musik der Glocken, die dem modernen Menschen die andere Welt erahnen lässt, die bei aller scheinbaren Sichtweise doch so weit weg ist.

Anders und doch ähnlich ein Buch des Schriftstellers Hans-Josef Ortheil mit dem Titel: „Rom – Eine Ekstase“. Auf dem Cover ebenfalls der Petersdom; im Inneren aber nicht Traum und Rausch, sondern die feine Beobachtung, was die Ewige Stadt ausmacht: in Worten das Wunder der Wahrnehmung; Sensibilität für das Tiefere und Größere. Wo ergreift es Menschen mehr als auf dem Petersplatz! Er ist die Piazza eines Plurals. Man hört es, nicht nur durch Glocken, sondern durch die vielen Sprachen, die man hier aufnehmen kann und die dann zusammenklingen wie ein harmonisches Geläute. Wer dort steht und geht, wird auch erhoben; aber nicht in einen Rausch, sondern in einen bergenden Raum. Die Kolonnaden des Bernini umarmen die Besucher und geben sie als Pilger wieder frei, denn wo man erleben kann, dass der Glaube erhebt, wird das Leben leichter.

Das Pfingstwunder auf dem Petersplatz in anders als die Himmelfahrt beim Dante-Kolloquium. Es ist nicht exotisch, sondern elementar. Es ist nicht Freigeistigkeit an einem Thema, sondern eine Verständigung von innen her, wie sie das Pfingstgeschehen der Apostelgeschichte in Jerusalem beschreibt. Der Blick auf die vielen Nationalitäten macht den Petersplatz zu einer Piazza des Plural. Der Blick dort aufeinander vermittelt ein Miteinander und erahnt ein Füreinander. Auf dem Petersplatz ist man nie alleine – und auch nicht allein. Die Gemeinschaft verschiedener Sprachen und Nationalitäten lässt hier eine Stimmigkeit erahnen und erfahren, ersehnen und erleben, die Menschen nicht selber machen können. So, wie hier gesprochen und geschwiegen, gelacht und geweint, gebetet und gesungen wird, erkennt man: Wer zusammen hört, erfährt Zusammengehörigkeit. Hier haben wir sie alle vor Augen: die Touristen und die Pilger, die Flaneure und die Forscher, die Beter und die Bettler; alle die mehr suchen, Größeres bestaunen und Tieferes erhoffen. Hier machen sich Bilder fest, die zu Botschaften für die ganze Welt geworden sind: das Wachen am Sterbebett von Papst Johannes Paul II. und der Abschied von ihm; die Worte von Papst Benedikt über die Weite des Platzes hinaus gesprochen: „Wer glaubt ist nie allein“; die Begegnungen mit Papst Franziskus, der mit seinen ausgestreckten Händen die Herzen der Menschen berührt.

Pfingsten auf dem Petersplatz ist anders als das Pfingsten auf dem Aventin. Das Pfingstwunder der Christen ist die Erhebung des Menschen über sich hinaus – nicht im Rausch des Augenblicks, sondern in einer Erhebung, die Ewigkeit in allem Endlichen aufleuchten lässt. Pfingsten in nicht einfach ein Moment der Verzückung. Pfingsten ist das Vertrauen und die Verlässlichkeit, dass in einer Welt der Verflüchtigung Ostern bleibt. So bezeugt und vermittelt es die Apostelgeschichte: Pfingsten ist Versammlung am gleichen Ort und Verständigung in fremden Sprachen. Pfingsten ist irdisch und himmlisch; nicht abgehoben, sondern weltzugewandt; nicht Flucht, sondern Freiheit. Gottes Geist ist nicht Rausch sondern Realität. Er öffnet neue Räume, wo Menschen eine dreifache Richtung einschlagen.

I           Wer glaubt, kann warten!

Zwischen Ostern und Pfingsten liegen 50 Tage – eine lange Zeit, die die Jünger brauchen, um neuen Mut zu fassen und Gewissheit zu finden. Die Leere des Karfreitag war mit dem Ostermorgen nicht einfach verflogen, Sie hatte sich wie Blei auf alles gelegt. Schweren Herzens hat man auch schwere Glieder. Der Weg nach Emmaus und wieder nach Galiläa war kein Spaziergang. Wo Menschen mitten im Leben der Boden unter den Füssen genommen wird, braucht es oft lange bis ein Fundament wieder zu ertasten ist. Und nur wer fest steht, kann fortschreiten und über sich hinaus wachsen. Das ist der Weg von Ostern nach Pfingsten: nicht die Ausflucht in die Ablenkung, sondern die Weisheit, zu warten. Gottes Geist gibt Geduld, wo Menschen zum Macher werden wollen. Pfingsten führt in die Bereitschaft der Apostel, zu harren und zu hoffen.

Wo das Leben Menschen zwingt auszuhalten, was ihnen angetan wurde und nicht zu ändern ist, gibt Gottes Geist dem Glauben jene Flügel, die aus dem Harren ein Hoffen aus der Treue Tiefe, aus Verlusten Gewinne, aus manchem Tod Leben – kurzum aus Ostern Pfingsten werden lassen. Wo Menschen nicht warten können, ist die Versuchung zur Verzweiflung groß. Wo die vermeintlich schnelle Lösung her muss, verspricht der Rausch Abwechslung, die in eine neue Monotonie führt. Pfingsten aber erkennt man an den vielen Sprachen, in denen Töne klingen, die erst mit der Zeit kommen (können) und auf diese Weise eine Stimmigkeit und Symphonie hervorbringen, von der die Apostelgeschichte sagt: „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2,11b). Wo das Warten mit Wunden eine österliche Wende erfährt, tut sich der Raum für eine zweite pfingstliche Erwartung auf.

II          Wer glaubt, lernt sprechen!

Pfingsten auf dem Aventin ist bei der Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff ein Kolloquium. Die gelehrten Teilnehmer verstehen sich außerordentlich gut. Sie halten glänzende Referate über Dantes „Göttliche Komödie“. Man spricht so, dass man Freude hat, sich auszudrücken aber man weiß nicht, ob es nicht mehr die Stars und Floskeldesigner sind, die hier eine Bühne für sich selbst suchen. Es gibt auch ein Sprechen ohne Kommunikation, bei dem der, der spricht nur bei sich ist und nicht zum anderen findet. Wir kennen alle die Vielredner, die immerfort dozieren oder parlieren und sich am liebsten selbst reden hören.

Wer glaubt, will hören, um sprechen zu können. So ist es schon am Anfang des Lebens, wenn das Kind sprechen lernt. Es muss hören können, um erste Laute von sich geben zu können, um Worte nachzusprechen und mit der Zeit zur eigenen Sprache zu finden.

Um auch die fremden Töne in der eigenen Muttersprache verstehen zu können, um Antwort geben zu können, braucht es zuerst eine Aufmerksamkeit füreinander. Damit beginnt Pfingsten in der Apostelgeschichte. Der außergewöhnliche Dialog in fremden Sprachen verträgt keinen Monolog. Pfingsten auf dem Petersplatz ist anders als Pfingsten auf dem Aventin. Fremde Sprachen werden zu komplementären Worten, wo Gottes Geist vor dem Mund die Seele öffnet. So steht und versteht sich die Piazza des Plural als Raum der Begegnung, in dem nachhallt, was der Dichter Friedrich Hölderlin ins Wort bringt: „Viel hat von Morgen an der Mensch erfahren, seit ein Gespräch wir sind. Bald aber sind wir Gesang.“

Pfingsten auf dem Aventin vernimmt die Glocken vom Petersplatz aus der Ferne. Pfingstlicher Dialog im Geist der Apostelgeschichte macht aus Worten füreinander einen Gesang des Miteinander, bei dem das Herz erhoben wird. Sprechen im Geist von Pfingsten trägt eine Schwingung in die Kirche und in die Welt, die ein drittes in Bewegung bringt.

III         Wer glaubt, will gehen!

Das ist weder ein Davonlaufen noch ein Stehenbleiben. Pfingsten auf dem Aventin erscheint im Roman von Sibylle Lewitscharoff als das abgehobene Schweben einer illustren Runde. Pfingsten auf dem Petersplatz ist oft nur der klein Schritt, wenn man warten muss – dafür aber eine bodenständige Bewegung. Sie hat etwas von dem, was Papst Franziskus neulich in der Predigt einer morgendlichen Eucharistiefeier in Santa Martha als Bild für die Kirche aufgegriffen hat, wenn er sagt: „Es ist wie beim Fahrradfahren. Stabilität hat man nur, wenn man sich bewegt!“ Die innere Balance des Glaubens braucht die Bewegung, zu der uns Gottes Hl. Geist immer wieder anschieben will. Das ist kein Vorwärtsstürmen, das andere zurücklässt und auch kein Stehenbleiben, das starr macht.

Pfingstliche Bewegung zeigt sich vielmehr in einem Bewusstsein, für das der italienische Universalgelehrte Leonardo da Vinci ein sprechendes Bild gefunden hat: „So, wie das Eisen außer Gebrauch rostet und das still stehende Wasser verdirbt oder bei Kälte gefriert, so verkommt der Geist ohne Übung.“

Übung im Geist von Pfingsten bedeutet, nie aufzuhören anzufangen und nie anzufangen aufzuhören. Glauben und Leben verwirklichen sich in einer Treue, die sich rührt. Das ist die Kontinuität einer Kirche, die mit Pfingsten auf den Weg gekommen ist. Übung im Glauben und im Leben sind Exerzitien zu einer Ekstase in der Erdenschwere. Nicht abheben, sondern weitergehen, auch wo vielleicht Manches zum Davonlaufen ist.

Auch wenn Kenner der Literatur sagen, dass bei Dante Poesie und Philosophie immer auf den Beinen sind, ist ihre Rastlosigkeit keine Inspiration, um Pfingsten zu ergründen. In der Apostelgeschichte steht am Anfang eine Sammlung im Obergemach, die zur Sendung in die Welt wird. „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren“ (Apg 2,1-2).

Pfingsten ist Rücksicht und Rückenwind zugleich, „an die Ränder gehen“ (Papst Franziskus) und die Mitte suchen, nach innen und nach unten spüren, um nach außen und nach oben zu finden.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Pfingsten auf dem Aventin“ besticht im Roman durch den Rausch des Ambiente, die Trunkenheit der schönen Worte und die Flucht aus einer Welt der Erdenschwere. Levitation als Laissez faire!

`Pfingsten auf dem Petersplatz´ ist eine `In-Spiration´ das Pfingsten der Apostelgeschichte aufzuspüren und aufzugreifen, um bodenständig und weltoffen zugleich zu werden. Diese Geduld ist das Geschenk des Hl. Geistes. Denn wer glaubt, kann warten, wer glaubt, lernt sprechen und wer glaubt, will gehen.

Amen.